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Sonntag, 10. Januar 2016

[BuchBlubb] ► Katze, Hut und Regenschirm (Joanne Harris)



Lächle!
Lache!
Lebe!
♠EN: A Cat, a Hat and a Piece of String
♠Verlag: List (2013)
♠Seiten: 304
♠Genre: Verschiedenes
♠Reihe: -

"Würziger Pinienduft, das Rauschen des Meeres und der Zuckerguss eines Törtchens, der süß auf der Zunge zergeht." In sechzehn Geschichten entführt Joanne Harris den Leser in eine Welt genussvoller Sinneseindrücke, magischer Momente und tragischer Schicksale. Sie erinnert uns daran, wie viel schöner die Welt mit ein bisschen Phantasie sein kann...
Das erfahren zum Beispiel die rüstigen Freundinnen Faith und Hope, die vom Sommerausflug ihres Seniorenheims ausgeschlossen werden. Empört und traurig finden sie sich mit ihrem Schicksal ab- ganz im Gegensatz zu ihrem erfinderischen Betreuer Chris. Wer braucht schon den "Inkontinenz-Express", wenn er sich auf eine wundervolle, amüsante Phantasiereise an die französische Atlantikküste begeben kann? 


1st: >> Wie lieb von Ihnen, dass Sie sich die Mühe machen, uns zu besuchen. <<





Angeschwemmt... wurde das Buch von einem sehr lieben Menschen zum Geburtstag. Sie hat nicht nur selbst einen vorzüglichen Buchgeschmack, sondern weiß auch, wie glücklich man mich mit einem Buch für meine Harris-Sammlung macht. Danke dir! 

Abgetaucht... bin ich voller Vorfreude. Wie konnte ich auch anders, bei einem Buch mit Namen "Katze, Hut und Regenschirm"
♥? Es wird jetzt vermutlich jene unter euch geben, deren Augenbrauen an dieser Stelle ein misstrauisches Eigenleben entwickeln. Alle anderen wissen es besser, denn Joanne Harris und ein Titel wie dieser, das kann nur eine einzigartige Lesereise werden. Ich bin nicht der größte Fan von Kurzgeschichten, aber wenn ich dabei jemandem eine Chance gebe, dann dieser Autorin. Wer z.B. "Fünf Viertel einer Orange" oder "Chocolat" gelesen hat, dem brauche ich dazu nichts mehr zu sagen. Joanne Harris besitzt das für mich einzigartige Talent, nicht nur Atmosphäre in jeden einzelnen ihrer Sätze zu packen, sondern darüber hinaus tausendundein Gefühl und noch mehr Gedanken zwischen den Zeilen mitschwingen zu lassen. Und in genau diese Art von Geschichte(n) taucht der Leser hier ein. In kurze, aber unheimlich einprägsame Erzählungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Momentaufnahmen, Lebensgeschichten, Ein- und Überblicke; Frohmut, Liebe, Trauer, Hoffnung, (Über-)Leben, Witz und Charme- alles aufzählen zu wollen, das ist, als wolle man Wasser mit einem Sieb fangen. Ausnahmsweise muss ich deshalb dem Klapptext zustimmen: Lasst euch entführen in eine Welt genussvoller Sinneseindrücke.

Badegäste... machen diese Reise zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Zwei rüstige Rentnerinnen, die Ungerechtigkeiten in ihrem Seniorenheim mit Witz und einer gehörigen Portion Bonny&Clyde begegnen; ein Altenpfleger, der seinen Schützlinge in ihren eigenen vier Wänden die schönsten Weltreisen ermöglicht; ein Mann, der 364 Tage im Jahr Weihnachten zelebriert; eine Mutter, die dem Geist ihres Sohnes auf Twitter folgt; ein Baby gemacht aus Zucker, Gewürzen und der Verzweiflung seiner Mutter; Kinder aus dem Kongo, die lebend überleben; Götter, Geister, Gedanken und habe ich erwähnt, dass man unmöglich in Worte fassen kann, was einen hier alles erwartet? Was ich euch aber verraten kann: Ein paar Dutzend Seiten reichen völlig aus, um den verschiedenen Charakteren Leben einzuhauchen, mit allem was dazugehört und mit noch viel mehr. Die Menschen - und ich schreibe absichtlich nicht "nur" Protagonisten - die Joanne Harris erschafft, sind allesamt irgendwie anders, ohne dass ich das so genau in Worte fassen könnte. Es sind oft Kleinigkeiten, in denen man sich wiederfindet; Träume, die man schon träumte; Situationen, die man nachempfinden kann- man fühlt sich den Charakteren einfach nahe.

Schwimmzüge... decken eine große, auf den ersten Blick zusammenhangslose Bandbreite ab. Was haben Twitter-User und obsessive Computerspieler gemeinsam mit Menschen, die um ihr Bahnhofscafé kämpfen? Wie kann nach der Geschichte einer Frau, die ihre Trauer in Kuchen und Torten erstickt, ein kleines afrikanisches Mädchen über Hunger, Leid und Kinderhandel berichten? Und was haben die Altersheim-Abenteuer zweier Rentnerinnen mit Mensch gewordenen Göttern in Manhattan zu tun? Vielleicht nichts, vielleicht alles, so genau lässt sich das nicht sagen. Mit diesen Kurzgeschichten ist es, wie mit den mehrdeutigen Bildern der Psychologie: Vermutlich sieht jeder etwas Anderes. Auf alle Fälle ist "Katze, Hut und Regenschirm" die Reise wert.


Eine ungewöhnliche, abwechslungsreiche Geschichtensammlung voller Witz, Tragik und der Magie des Alltags.
Inhalt: ♥♥♥♥ || Atmosphäre: ♥♥♥♥ || Charaktere: ♥♥♥♥
Sprache: ♥♥♥♥♥ || Aufmachung: ♥♥♥♥♥
Lesespaß: ♥♥♥♥

10.01.2016

Mittwoch, 22. Oktober 2014

[BuchBlubb] ► Tour d'amour (Elizabeth Bard)



Luft?
Liebe?
Schokoladensouflée!
♠EN: Lunch in Paris
♠Verlag: Blanvalet (2010)
♠Seiten: 416
♠Genre: Romantik
♠Reihe: -

Es sollte nur ein Wochenendbesuch in Paris werden, doch plötzlich hat die junge Amerikanerin Elizabeth gleich zwei leidenschaftliche Liebesaffairen: eine mit dem gut aussehenden Franzosen Gwendal und die andere mit französischem Essen. Sie packt ihre Sachen und zieht in die Stadt der Liebe, doch der Kulturschock ist immens. Kann ein Land, in dem Frauen scheinbar nichts essen, Menschen an ihrem Talent für das Ausnehmen eines Fisches gemessen werden und Schokoladensoufflés nur bei anderen gelingen die richtige Wahl sein? Kann eine Stadt, in der gutes Gebäck nicht unter einer Wartezeit von 30 Minuten zu bekommen ist und mürrische Metzger die Crème de la Crème des Viertels sind wirklich ihr Zuhause werden? Um Gwendals und ihrer selbst Willen tut Elizabeth alles, um ihren französischen Traum wahr zu machen. Doch schließlich ist es nicht nur die Liebe, sondern vor allem die französische Küche, die ihr Stück für Stück das Tor zur Pariser Seele öffnet.


1st: >> Ich habe mit meinem französischen Ehemann nach der Hälfte unserer ersten Verabredung geschlafen. <<






Angeschwemmt... wurde das Buch beim diesjährigen ME-Flohmarkt. Ich kann so vielem manchem widerstehen. Aber einem ganz zauberhaft aufgemachten Eiffelturm-Cover samt amphibisch angehauchtem Untertitel? Keine Chance und das noch bevor ich wusste, dass auch jede Menge toller Rezepte enthalten sind.

Abgetaucht... bin ich ganz untypisch für meine sonstigen "Oh, guck mal das tolle Cover"-Spontankauf-Flops nicht nur ohne Schwierigkeiten, sondern auch von Anfang an schwer beeindruckt. Bei Stichworten wie "Paris", "(Französische) Küche" oder "Froschprinz" kein Wunder? Nein, es lag nicht nur an Setting und Thema, dass mir die Geschichte so gut gefallen hat. Verliebt habe ich mich hier zuallererst und ganz besonders in den Schreibstil. Die Autorin ist gebürtige Amerikanerin mit Wahlheimat Paris und genau so schreibt sie: mit amerikanischem Humor und französischem Charme. Ob auf dem Markt, entlang der Seine oder im Würstchen-Restaurant, jeder Part der szenenhaft erzählten Geschichte strotzt nur so vor Lebendigkeit, Witz und Herz! Es steckt viel Elizabeth Bard in den Beschreibungen und mit ihrem manchmal rein unterhaltsamen, manchmal fast schon philosophischem Humor und einem insgesamt qualitativ sehr hochwertigen Stil konnte sie mich völlig überzeugen. Man bekommt als Leser ein Gefühl für die Szenerie und in der Beschreibung von Cafés, Küchen oder französischem Essen steckt eine schlichtweg wundervolle Atmosphäre. Außerdem spielt das Buch gekonnt mit Klischees und nimmt Amerikaner, Europäer und (Nicht)Pariser Franzosen gleichermaßen liebevoll auf die Schippe, was mich oft genug zum Schmunzeln und Lachen gebracht hat.

Badegäste... sind der Autorin selbst und Personen aus ihrem Leben nachempfunden. Inwieweit, das lässt sich schlecht beurteilen, während des Lesens aber umso besser verdrängen. Ohne diese Hintergrundinfo hat man nämlich einfach eine Palette an unglaublich sympathischen Charakteren. Alle ein bisschen verrückt, alle ein bisschen überzeichnet, aber alle zum Gernhaben. Da ist zum einen die Protagonistin selbst. Als amerikanische Touristen kam sie, sah sie und wurde besiegt. Vom gut aussehenden Gwendal mit seiner Pasta danach, vom Pariser Flair, von Luft und von Liebe. Nur ist das erst der Anfang. Post-Umzugshürden - und die sind zahlreich - nimmt sie aber mit so viel Humor, Frust und kindischer Freude, dass man sie einfach mögen muss. Elizabeth ist einfach mitten aus dem Leben gegriffen und ich konnte mich gut mit ihr identifizieren. Auch die Nebencharaktere mochte ich sehr gerne. Dieses Buch hat die tolle Eigenschaft, das Scheinwerferlicht immer wieder auch vorteilhaft auf die kleinen Leute zu richten. So lernt man mit der Zeit nicht nur Elizabeths Eroberung kennen, sondern vom mürrischen Hackebeil-Metzger über die Schwiegermutter mit Bikini-Figur bis zum "Isch verschtehe sie nischt und will sie auch nischt verschtehen"-Makrelen-Verkäufer eine ganze Reihe schrulliger Charaktere lieben. 

Schwimmzüge... werden vom deutschen Titel ausnahmsweise wunderbar beschrieben. Dieses Buch ist wirklich eine "Tour d' amour", aber gleichzeitig steckt so viel mehr als das klassische "Prinzessin küsst Frosch und wenn sie nicht gestorben sind..." darin! Da ist nicht nur Liebe zum Traumprinz, sondern zu Paris, gutem Essen und Genuss, zum Leben, den eigenen Träumen und sich sich selbst und so vielem mehr. Elizabeth Bard hat keinen reinen Unterhaltungsroman geschrieben, sondern Lebensweisheiten und Rezepte, für die mancher Kochbuchautor morden würde, gratis dazugepackt. Die Autorin erzählt hier vor dem Hintergrund einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte von Selbstverwirklichung, (Sprach-)Barrieren und dem täglichen Kampf um das beste Gebäck. "Tour d' amour" kreiert aus Romantik, Familiengeschichte, Liebe zu gutem Essen und "Französisch für Anfänger"-Humor eine kleine Delikatesse, die sich Freunde leichter, aber keinesfalls leerer Unterhaltung nicht entgehen lassen sollten.
 

Lieben und Leben in Paris, großzügig gewürzt mit Humor und Rezepten. Eine Delikatesse für Genussleser!

Inhalt: ♥♥♥♥ || Atmosphäre: ♥♥♥♥♥ || Charaktere: ♥♥♥♥♥
Sprache: ♥♥♥♥ || Aufmachung: ♥♥♥♥♥
Lesespaß: ♥♥♥♥♥
22.10.2014


Sonntag, 19. Januar 2014

[BuchBlubb] ► The Green Mile (Stephen King)



Verurteilt.
Tod.
Strafe?
♠EN: The Green Mile
♠Verlag: Bertelsmann (1998)
♠Seiten: 478
♠Genre: Verschiedenes
♠Reihe: -

1st: >> Dies geschah 1932, als das Staatsgefängnis noch in Cold Mountain war. <<<
1932 ist Paul Edgecombe als Aufseher im Staatsgefängnis Cold Mountain verantwortlich für Block E. Seine "Gäste" warten nur noch auf eines: 10.000 Volt und das damit einhergehende Ende. Trotzdem wacht Paul sorgsam darüber, dass im Umgang mit und unter den Gefangenen Recht und Ordnung herrschen. Doch mit der relativen Ruhe ist es vorbei, als der hünenhafte John Coffrey eingeliefert wird: Er soll zwei kleine Farmerstöchter missbraucht und brutal ermordet haben. Für Paul ist er zunächst ein Gefangener wie alle anderen auch, doch dann spielen sich im Todestrakt mysteriöse Dinge ab und angefangen mit einer winzigen Maus ändert sich alles...




Angeschwemmt... wurde das Buch vor einer gefühlten Ewigkeit auf dem Flohmarkt. Ich hatte mir ja immer erfolgreich eingeredet gehabt, dass Stephen King nichts für mich ist. Wenn ich schon einen Versuch wagen wollte, dann wenigstens in bekannten Gefilden und so durfte das Buch zum großartigen und gleichnamigen Film mit ins Körbchen.

Abgetaucht... bin ich also zugegeben nicht mit ganz fairen Absichten. "Danke, nichts für mich!", wollte ich sagen können, aber da hatte ich die Rechnung ohne den Autor gemacht. Denn schon nach wenigen Seiten hatte Stephen King mich völlig gefesselt und ich kann im Nachhinein nicht einmal so ganz genau sagen, warum. Lag es an dem steten Wechsel zwischen jetzt und damals, mit dem ein unwiderstehlicher Lesesog entsteht? Oder am Stil voller Witz, Feingefühl und unterschwelligen Schwingungen? Oder war es einfach unerklärliche Liebe auf den ersten Satz? Ich weiß es nicht. Aber gefesselt war ich von Stephen Kings ruhiger, tiefgründiger und einnehmender Art bis zur letzten Seite. Das war eines dieser Bücher, in denen ich mich einfach wohl gefühlt habe.

Badegäste... wollte ich unvoreingenommen angehen, aber sie haben mich dann natürlich doch an die Darsteller des Filmes - allen voran den genialen Tom Hanks - erinnert. Wobei ich mich früh fragen musste, ob Tom Hanks nun Paul Edgecombe gespielt oder Stephen King Tom Hanks geschrieben hat. Ich hatte noch nie einen Vergleich von Buch und Film, bei dem alles in mir derart "Passt!" geschrien hat!  Aber wie dem auch sei. Auf alle Fälle war mir Paul unglaublich sympathisch! Das lag vor allem daran, dass er so menschlich war. Selbstverständlich für einen Menschen? Oooh nein! Zumindest nicht so. Was King hier an Charakterzeichnung betreibt, das ist ganz großes Kino! Paul ist voller Überzeugung und voller Zweifel, handelt richtig und falsch. Ich kann nicht in Worte fassen, wie großartig dieser Protagonist gestaltet ist! Auch die anderen Charaktere haben Tiefgang und sind durchweg und manchmal fast zu sehr greifbar. Glaubwürdigkeit? Volle Punktzahl!

Schwimmzüge... konnten mich wohl kaum noch von der Luftmatratze werfen, wo ich den Film schon kannte, oder? Habt ihr eine Ahnung. Ich habe mitgefiebert und mitgelitten von der ersten bis zur letzten Seite! Die Handlung von "The Green Mile" ist auch definitiv nicht zum Abschalten gedacht, im Gegenteil. Stephen King geht hier moralisch harten Tobak an und so schön und witzig und herzergreifend viele Szenen auch sind, schont er den Leser nicht. Ich tendiere nicht zum emotionalen Seitentauchgang, aber das Buch ging mir wirklich nahe. Kann man Sympathien für vielfache Mörder entwickeln? Darf man das? Wie sollten Vertreter des Staates mit denen umgehen, die bei ihren schrecklichen Taten doch auch keine Gnade gezeigt haben? Ich liebe Bücher, die man nicht einfach "nur" liest, sondern die einem - in welcher Form auch immer - etwas geben und bei allen Teichgöttern, das tut "The Green Mile". Die Handlung ist spannend, sie ist bewegend und berührend und ergreifend und zu vieles, um es hier in Worte fassen zu können.


Mit einzigartig einnehmender Art präsentiert Stephen King greifbare Charaktere, eine bewegende Handlung und viele moralische Anreize zum Nachdenken. Was für ein Buch!

Inhalt: ♥♥♥♥♥ || Atmosphäre: ♥♥♥♥♥ || Charaktere: ♥♥♥♥
Sprache: ♥♥♥♥ || Aufmachung: ♥♥♥♥
Lesespaß: ♥♥♥♥♥
19.01.2014


Montag, 4. November 2013

[BuchBlubb] ► Second Chance Summer [EN] (Morgan Matson)



Verletzung. 
Vergebung?
Zeit!!
♠Dt.: Vergiss den Sommer nicht
♠Verlag: Simon&Schuster (2012)
♠Seiten: 480
♠Genre: Jugendbuch, Verschiedenes
♠Reihe: -

1st: >> I eased open my bedroom door to check that the hallway was empty. <<
Taylor Edwards sucht am liebsten das Weite, wenn die Dinge schwierig werden. Aber als bei ihrem Vater Krebs im Endstadium diagnostiziert wird, ist klar, dass sie nicht einfach davonlaufen kann. Ihre Eltern wollen einen letzten Sommer in ihrem Ferienhaus in den Poconos verbringen, und obwohl Taylor das letzte Mal mit zwölf dort war, sind all die Menschen, die sie zurückgelassen hat, noch dort: ihre beste Freundin Lucy zum Beispiel, die immer noch unter einem Verrat leidet, und ihre erste Liebe Henry, der fünf Jahre attraktiver geworden ist. In Nächten voller Feuerfliegen scheint der Sommer Taylor Vergebung und vielleicht sogar Liebe zu verheißen und nichts lieber würde sie tun, als diese Momente festzuhalten. Aber das Ende rückt näher und die Zeit läuft ihr - und ihrem Vater - davon, das Beste aus dieser zweiten Chance zu machen...



Angeschwemmt... wurde das Buch von meinen Eltern. Eine schwäbische Grundeinstellung kann durchaus Vorteile haben, wenn man deshalb für die versandkostenfreie Lieferung der Tochter zu "Lernzwecken" *hust* ein englisches Buch mitbestellt. Klaro, dass meine Wahl im August dabei auf das zweite Sommerbuch der Schöpferin von "Amy&Roger´s Epic Detour" gefallen ist.

Abgetaucht... und zu Hause gefühlt, das bedeutet für mich ein Buch von Morgan Matson. "Second Chance Summer" ist erst mein zweites Buch der Autorin und trotzdem hatte ich von der ersten Seite an das Gefühl, als würde mir eine alte Freundin eine Geschichte erzählen. Bei niemandem sonst fühle ich mich als Person und nicht "nur" als Leser so sehr angesprochen. Die Erzählerin Taylor geht im Laufe der Geschichte durch ein immenses Wechselbad der Gefühle und in ihrer ruhigen und lockeren, vor allem aber auch authentischen und an den richtigen Stellen ernsten Art hat mich die Autorin daran teilhaben lassen: große Emotionen ohne übertrieben großes Drama. Frau Matson macht es einem so herrlich leicht, sich davontragen zu lassen!
Ich meine, ich war nie im Ferienlager, von einem Sommerhaus am See konnte ich nur träumen und doch war ich beim Lesen in Lagerfeuer-Marshmallow-Stimmung. Ich war nie mit einer tödlichen Krankheit konfrontiert, wegen eines Verrates an meiner besten Freundin plagt mich kein schlechtes Gewissen und doch habe ich mit Taylor gelitten.

Badegäste... sind Familie und Freunde der Hauptperson Taylor, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Sie ist vielleicht etwas zickig und macht aus einem Fliegenproblem auch gerne mal den sprichwörtlichen Elefanten, aber mit ihrer "Run&Hide"-Reaktion auf Probleme konnte ich mich auch ein Stück weit identifizieren. Taylor ist ein Mädchen mit den gewöhnlichen Höhen und Tiefen eines Teenagerlebens, bis es dann so richtig bergab geht und bei ihrem Vater Krebs im Endstadium diagnostiziert wird. Damit geht sie auf eine Art um, für die ich das Mädchen gleichzeitig drücken und schütteln wollte und mit der ich die knapp 500 Seiten über nahezu pausenlos mitgefühlt und mitgelitten habe. Anders da "Back dir deinen Traummann"-Boy Henry. Seine anfänglich (begründet) ablehnende Art Taylor gegenüber hält nicht lange an und dann wird er superverständnisvoll, superanziehend und überhaupt super. Gähn. Ich habe einfach meine Probleme mit Protagonisten, die einer Fotostrecke für "Schwiegermamas Traum" entsprungen zu sein scheinen, aber gut. Wesentlich sympathischer und interessanter fand ich ohnehin Taylors Geschwister und besonders ihren liebenswert-verschrobenen Bruder, der auf seine ganz eigene Art über sich hinauswächst, habe ich ins Herz geschlossen. Aber egal, wen man nun am liebsten mag, Taylors Familie könnte auch deine Familie, ihr Schicksal auch dein Schicksal sein und das fand ich großartig, weil es die Geschichte in ihrer Wirkung nur umso tragischer macht.

Schwimmzüge... werden von Taylor einmal als "beste und schlimmste Zeit" beschrieben und treffender kann man es meiner Meinung nach nicht sagen. Es ist ein Albtraum: Krebs, unheilbar und in der eigenen Familie. Den Tod vor Augen will Taylors Vater einen letzten Sommer dort verbringen, wo die Familie so schöne, aber längst vergangene und beinahe vergessene Ferien verbracht hat- und wohin Taylor nach einem Verrat niemals wieder zurückkehren wollte. Aber je mehr Rückschritte die Gesundheit ihres Vaters macht, desto weiter scheint sie voranzukommen und mir hat es das Herz zerrissen, wie sie erwachsen wird und lernt "Entschuldigung" oder auch "Ich liebe dich, Dad." zu sagen, während es ihm immer schlechter geht. Aber Frau Matson schafft diesen Balanceakt zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Fröhlichkeit und Ernst, zwischen leichter Sommerlektüre und schwerer Kost. Die Autorin behandelt das Thema einfühlsam, ohne ein "Krebsbuch" zu schreiben und die Thematik zu strapazieren. Im Gegenteil, mir war es manchmal fast zu wenig Konfrontation mit der Krankheit. Umso schöner waren dafür die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander und zunehmend auch nach außen beschrieben.


"Second Chance Summer" ist ein einfühlsames Buch, das seiner ernsten Thematik die Freuden des Teenagerlebens zur Seite stellt und gekonnt die Balance zwischen Weinen und Lachen hält.
Inhalt: ♥♥♥♥ || Atmosphäre: ♥♥♥♥ || Charaktere: ♥♥♥♥
Sprache: ♥♥♥♥♥ || Aufmachung: ♥♥♥♥♥
Lesespaß: ♥♥♥♥

04.11.2013

Samstag, 31. August 2013

[BuchBlubb] ► Der Mackenzie-Coup (Ian Rankin)



Idee...
Plan?
Action!
♠Original: Doors Open
♠Verlag: Goldmann (2010)
♠Seiten: 384
♠Genre: Action&Thrill
♠Reihe: -

1st: >> Mike sah, wie es passierte. <<
Er ist reich und er langweilt sich gewaltig. Denn für einen Mann wie Mike Mackenzie, der als Teilhaber einer IT-Firma ein Vermögen gemacht hat, verlieren teure Autos und andere kostspielige Hobbys schnell ihren Reiz. Zerstreuung findet er in der Welt der Kunst, die ihn neben der schottischen Kunst des 20sten Jahrhunderts auch mit der schönen Auktionarin Lara Stanton lockt. Doch die Bilder sind unverkäuflich, die Frau ist uninteressiert und Mikes Geldbeutel kann am einen und sein Charme am anderen nichts ändern. Etwas Neues muss her gegen die Langeweile und den Anfang macht ein whiskeyseliger Abend mit einem alten Freund. Der nämlich hat eine Idee, die endlich wieder für Nervenkitzel in Mikes Leben sorgt: Warum Gemälde kaufen, wenn man die National Gallery doch auch in einem einzigartigen Coup um einige ihrer wertvollsten Schätze erleichtern könnte...




Angeschwemmt... wurde das Buch, wie könnte es anders sein, im Grabbelkisten-Paradies. Zu meiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass "Der Mackenzie-Coup" schon im Wunschbrunnen schwimmt, seit ich den Klapptext zum ersten Mal gelesen habe. Ian Rankin und eine Mischung aus "Ocean´s Eleven" und "Verlockende Falle"? Ich musste es haben! 

Abgetaucht... ist das falsche Wort, dafür geht alles viel zu schnell. Die Geschichte beginnt damit, dass beim großen Coup offensichtlich irgendetwas ganz gewaltig schief gegangen ist und damit wird der Leser gleich vom Platz weg mitgerissen. Eingewöhnungsphase? Brauch dieses Buch nicht! Denn Herr Rankin tut einiges dafür, dass der Leser das Interesse gar nicht erst wieder verliert. Er spart sich blumige Ausschweifungen und die großen Sentimentalitäten und beschränkt sich stattdessen auf das für die Handlung Notwendige. Dabei erzählt der Autor aber so männlich-cool, dass ich nie das Gefühl hatte, etwas verpasst zu haben, sondern mich vielmehr kurzweilig und bestens unterhalten gefühlt habe. Ian Rankin bringt seine Geschichte, kurz gesagt, auf den Punkt. Dabei vergisst er es nicht, zwischen ungezwungene Action-Szenen auch die eine oder andere Finte zu packen und schafft damit dieses ungewisse Feeling im "Ocean´s Eleven"-Stil, das ich mir erhofft hatte.


Badegäste... würden sich auf eine kleine Gruppe handverlesener Eingeweihter beschränken, wenn es nach dem Initiator des Coups, dem Professor, ginge. Aber erstens kommt es anders und zweitens ist Mackenzie der mit den Millionen und weil man eben nicht über Nacht zum brillanten Danny Ocean wird, sind plötzlich auch noch Studenten, Gangster, eine hoffentlich-bald-Geliebte und zu allem Überfluss die Polizei mit von der Partie. Zu viele für knapp 400 Seiten? Keineswegs, denn die einzelnen Charaktere bekommen nicht all zu viel Platz für Entwicklung. Man ist, was man ist- oder was man vorgibt, zu sein. Das kann von unbedarft, blond und blauäugig über gierig, ehrgeizig und rachsüchtig bis hin zu gefährlich alles sein und die bunte Mischung an Typen ergänzt sich gut. Ich hätte zwar gerade von manchen Nebenfiguren sehr gerne noch mehr erfahren, aber es hat auch viel Spaß gemacht, Mike Mackenzie zu folgen. Er ist nicht sehr tiefgründig, sondern vor allem eines: gelangweilt. In Kombination mit seinem Bedürfnis, sich und anderen etwas zu beweisen und seiner teilweise doch recht großzügig gearteten Selbstüberschätzung macht ihn das zu einem Mann, bei dem man sich unweigerlich fragt, wann er sich denn nun die Finger verbrennen wird. Auch sein alter Schulhofkönig Chib, der heute die andere Seite der Stadt regiert, hat mir sehr gut gefallen. Er ist ein so charmanter, wie skrupelloser Charakter und seine unberechenbare Art hat der Geschichte immer mal wieder eine unerwartete Wendung verliehen.

Schwimmzüge... waren zugegeben nur zur Hälfte das, was ich erwartet hatte. Der Part mit Vorbereitung, Ausführung und Nachwirkungen des großen Coups, der hielt die Versprechungen des Klapptextes und war kurzweilig, action- und ideenreich. Was aber praktisch komplett gefehlt hat, war die dort ebenfalls angedeutete Liebesgeschichte zwischen dem selbst ernannten Meisterdieb Mike und der hübschen Auktionatorin Lara. Wer also nur schweren Herzens auf einen guten Anteil Romantik, am besten noch im "Verlockende Falle"Stil von Sean Connery und Catherine Zeta-Jones, verzichten kann, der sollte sich vielleicht nach einem anderen Buch umsehen. Aber alle, die Spaß an einer Diebesgeschichte haben, bei der eigentlich nichts so richtig glatt zu laufen scheint, die können beherzt zugreifen. Denn ohne zu viel zu verraten: Der "Mackenzie-Coup" ist nur der Anfang und die richtig interessanten - und für den Leser entsprechend richtig unterhaltsamen - Verwicklungen, die haben noch einiges mehr zu bieten.


Kurzweilige Unterhaltung im Stil von "Ocean´s Eleven" ohne viel Tiefgang, aber jede Menge Lesespaß für alle, die schon immer mal Danny Ocean sein wollten.

Inhalt: ♥♥♥♥ || Atmosphäre: ♥♥♥♥♥ || Charaktere: ♥♥♥♥
Sprache: ♥♥♥♥ || Aufmachung: ♥♥♥♥
Lesespaß: ♥♥♥♥

31.08.2013


Freitag, 8. März 2013

[BuchBlubb] ► Solange die Nachtigall singt (Antonia Michaelis)



Wald. 
Idylle.
Grab.
♠Original: -
♠Verlag: Oettinger
♠Seiten: 447
♠Genre: Jugendbuch, Verschiedenes
♠Reihe: -

1st: >> Etwas war geschehen. <<
Der junge Jari feiert seinen Schulabschluss mit einer Wandertour: Vor dem Ernst des Lebens will er noch einmal ausbrechen aus der behüteten Welt seines Zuhauses voller gebügelter Hemden und gestärkter Spitzendeckchen. Doch seine Reise wird jäh unterbrochen, als er in einem abgelegenen Dorf auf Jascha trifft. Die geheimnisvolle Schönheit lädt ihn in ihr Haus mitten im Wald, jenseits der Zivilisation ein und der unerfahrene Wanderer verliert sich dort zunehmend in einer Welt der Schönheit, des Friedens und des Rausches. Aber er spürt auch, dass Jascha etwas verbirgt. Was hat es mit den Geschichten auf sich, die im nahe gelegenen Dorf kursieren? Jari gibt nichts darauf, dass man angeblich nur in Jaschas Wald hinein, aber nie mehr hinausfindet. Bis er auf die ersten Gräber stößt... Er muss erkennen, dass  der schönste Schein auch die dunkelsten Schatten erzeugt und dass manche Geheimnisse nur mit Blut bewahrt werden können.



Angeschwemmt... wurde das Buch letztes Jahr als Bachelorfrosch-Belohnungs-Buchkeks anlässlich einer (wie immer kamelienhaften *wink*) Mini-Leserunde im Bücherforum meines Herzens. Frau Michaelis hat mich mit ihrem einzigartigen Schreibstil in "Der Märchenerzähler" erfolgreich geködert und ich musste ihr neues Buch mit seinem wunderschönen Cover und der düsteren Atmosphäre einfach haben! "(...) Ein Wald mit zu vielen Gräbern (...)", wie hätte ich diesem Klapptext-Satz widerstehen können?

Abgetaucht... bin ich im wahrsten Sinne des Wortes. "Der Märchenerzähler" war mein erstes Buch der Autorin und ich glaube, ich habe noch in keiner Rezension einen Schreibstil derart in den siebten Froschhimmel gelobt. Und was soll ich sagen? Das war definitiv kein schriftstellerischer Ausrutscher gewesen. Frau Michaelis Art zu schreiben, das ist kein Stil, das ist Kunst: einzigartig, unbeschreiblich! Sie webt ein Netz aus Worten, aus dem ich nur ganz, ganz schwer wieder herausgefunden habe, weil ich eigentlich überhaupt nicht auftauchen wollte. Der Klapptext verspricht Schönheit, er verheißt einen Rausch und genau das bietet die Autorin nicht nur Jari, sondern auch dem Leser. Die Meisterin der Worte spielt mit Bildern, mit Andeutungen und Metaphern und das auf eine derart intensive Art, dass es dem Wort "atmosphärisch" eine ganz neue Bedeutung gibt. Das einsame Setting im Wald tut sein Übriges dazu, dass man der Realität ganz leicht entgleiten und völlig in der trügerischen Idylle des Buches versinken kann.


Badegäste... sind in erster Linie der junge und eher unbedarfte Jari auf seiner Reise und die in seinen Augen fast schon überirdisch schöne Jascha, die in einem einsamen Haus im Wald lebt. Der "Zeisig", wie sie ihn nennt, war für mich definitiv ein Charakter zum lieb haben, aber leider auch einer, den ich zunehmend gerne geschüttelt hätte. Von seinen Eltern behütet aufgewachsen, hat er alles, was einen etwas naiven, aber durchweg sympathischen jungen Mann ausmacht: Er ist hilfsbereit und fast schon aufopferungsvoll, ein bisschen naiv und er sehnt sich nach Freiheit und Abenteuer, nach mehr im Leben. Aber was er bekommt, darauf hat ihn kein Sonntagsessen bei gestärkten Leinentüchern und Tischgebet vorbereitet und Jari verliert sich zunehmend in Jaschas Welt von Wald, Wein und Nebel. Jascha auf der anderen Seite ist nur so greifbar, wie sie es sein will. Schwarze Spinne oder einsame Nachtigall? Jari meint Letzteres, der Leser kann sich da nie so sicher sein. Die beiden sind auf alle Fälle eine interessante Kombination, auch wenn es teilweise fast schon anstrengend war, hinter Jaschas Tausend und eine Facette blicken zu wollen. Denn Frau Michaelis hat hier etwas eingebaut, das ich sonst nur aus Filmen kannte und mich meisterhaft hinters Licht geführt hat.

Schwimmzüge... lassen sich denn auch kurz und knapp mit "Schein und Sein" beschreiben. Der Wald ist eine Bühne und Jari und Jascha sind die Hauptdarsteller in einem Stück, das mit jedem Akt ein bisschen näher am Abgrund zu spielen scheint. Jari ignoriert die Warnung der Dorfbewohner, in den Wald gehe man nur hinein und nicht mehr hinaus, und nimmt Jaschas Angebot an, gegen Handwerksarbeiten eine Weile bei ihr zu wohnen. Dass er damit alle Fäden aus der Hand gibt, ahnt zu diesem Zeitpunkt auch der Leser noch nicht. Aber tatsächlich begibt er sich in einen Irrgarten voller Geheimnisse, aus dem es keinen Ausgang zu geben scheint und bald schon stößt er scheinbar durch Zufall auf die ersten Gebeine... Was verbirgt sich hinter der Idylle aus Schönheit und Frieden? Darauf ist der Leser genau so gespannt wie Jari, doch auf einen Hinweis kommen zahlreiche Irrungen und Wirrungen und es ist nahezu unmöglich zu sagen, wessen Sichtweise die Glaubwürdigste ist. Verwirrend und anstrengend? Ein bisschen- aber auch faszinierend und fesselnd. Diese Art von Geschichte wird sicher nicht jedem gefallen und wo mancher, wie ich, ein ganz zauberhaftes Labyrinth erkunden wird, da wird ein anderer vielleicht nur eine Hecke sehen, die dringend gestutzt werden müsste. Mich persönlich hat nur leider auch hier das Ende gestört, das meiner Meinung nach wieder zu viel des Guten und zu wenig der Logik war. Außerdem hatte ich mir vergeblich mehr Parallelen zu Andersens Märchen erhofft gehabt. Insgesamt aber ein ungewöhnliches und einzigartiges Leseerlebnis.


Ein Buch, auf das man sich einlassen können und wollen muss. Worte machen die Geschichte zum Märchenwald, betreiben aber auch ein psychologisches Fallenstellen auf hohem Niveau.

Inhalt: ♥♥♥♥♥ || Atmosphäre: ♥♥♥♥ || Charaktere: ♥♥♥♥
Sprache: ♥♥♥♥♥ || Aufmachung: ♥♥♥♥♥
Lesespaß: ♥♥♥♥
08.03.2013


Sonntag, 23. September 2012

[BuchBlubb] ► Der Märchenerzähler (Antonia Michaelis)



Originaltitel: -
Erscheinungsjahr: 2011 (Oetinger)
Preis: 16.95€ (Hardcover)
Seiten: 446
Reihe: -
Erster Satz: "Es war der erste wirklich kalte Tag des Winters, an dem Anna die Puppe fand."

Kurzbeschreibung

Abel Tannatek ist ein Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel: den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna tief berührt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas schlimmste Befürchtungen wahr werden?

Rezension

Warum fällt es manchmal so schwer, Rezensionen zu schreiben? Weil keine Worte da sind für ein nichtssagendes Buch ohne bleiben Eindruck zum Beispiel. Oder aber es schwirren einfach zu viele Gedanken durch den Kopf, die sich partout nicht ordnen lassen wollen und zu letzteren gehört "Der Märchenerzähler". Über dieses Buch nachzudenken ist auch Wochen später für meinen Kopf noch die reinste Stromschnellenfahrt, so sehr hat es mich für sich eingenommen.

"Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer ins uns", hat Kafka einst gesagt und das beschreibt die Wirkung von Antonia Michaelis Schreibstil auf meinen Gemütszustand eigentlich recht treffend. Etwas so Einzigartiges habe ich noch nie gelesen: poetisch und tiefgründig, fesselnd und zweideutig, berührend und verstörend. Ihre Worte malen diese Geschichte mehr, als dass sie sie nur erzählen und mein Herz klopft immer noch schneller, wenn ich mir manche Sätze und Szenen in Erinnerung rufe. Die Autorin geht völlig auf in der Erzählerrolle der Träumerin Anna und einmal eingetaucht konnte ich nicht mehr anders, als ihre Geschichte mit zu (er-)leben. Ob als kleine Streicheleinheit oder treffsicherer Pfeil, der Schreibstil hat mich keinen Satz lang kalt gelassen und es war wirklich schwer, wieder in der Wirklichkeit anzukommen. Kennt ihr Bücher, bei denen ihr euch wünscht, sie würden nie zu Ende gehen? Und kennt ihr Bücher, bei denen ihr euch das schon allein wegen der wunderbaren Wortwahl des Autors wünscht? Dieses hier war für mich genau so ein Fall von "Liebe auf der ersten Seite".

Das mag auch daran liegen, dass ich mich zumindest anfangs sehr gut mit der Hauptperson Anna identifizieren konnte. Sie ist die Träumerin, die Denkerin, die Fragende, von der wir wahrscheinlich alle ein bisschen in uns haben. Nur trifft sie im Gegensatz zu uns auf Abel, den Märchenerzähler, das Fragezeichen, die Versuchung. Diese beiden könnten unterschiedlicher nicht sein: Herkunft, Einstellung, Zukunftspläne, alles scheint sich zu unterscheiden und trotzdem kreuzen sich ihre Wege immer wieder. Dabei hat sich Annas Faszination schnell auf mich übertragen. Wer ist Abel? Wie nahe kann man ihm kommen- und wie gefährlich kann das werden? Sie sind ein bisschen wie Frühling und Winter und nie genau zu wissen, ob es nun tauen wird oder nicht, hat mich unheimlich fasziniert. Man bekommt einen wirklich guten Einblick in Annas Gedanken- uns Gefühlswelt, aber alle anderen Charakteren lernt man durch die selten unbeschlagene Anna-Brille kennen. Es war oft schwer einzuschätzen, was man ihr glauben kann und das fand ich wirklich toll gemacht!

Diese Ungewissheit zog sich auch durch die Handlung und hat es mir fast unmöglich gemacht, an irgendetwas Anderes zu denken. Scheinbar zufällig stolpert Anna in Abels Märchen und ist sofort gebannt. Aber während sie noch versucht, ihm auch in der Wirklichkeit näher zu kommen, übersieht sie, dass Fiktion und Realität längst verschwommen sind, dass sie ihre eigene Rolle bekommen hat- und dass nicht alle Märchen ein gutes Ende finden. Ich kann und will dazu gar nicht viel sagen, denn diese Geschichte sollte jeder Leser für sich selbst entdecken. Das Märchen ist gar nichts Spektakuläres, aber Parallelen, Verknüpfungen und versteckte Botschaften zu suchen hat mich mindestens so süchtig gemacht, wie Anna. Dieses Buch hätte damit mein absolutes Jahreshighlight werden können, weil irgendwie einfach alles wie geschaffen für mich war. Wenn diese eine Szene und Annas Umgang damit nicht gewesen wäre. Wer das Buch gelesen hat, dürfte wissen, was ich meine und mich vielleicht sogar verstehen, wenn ich sage, dass ich noch nie so gerne gleichzeitig die niedrigste und die höchste Froschzahl vergeben hätte. Ich kann immer noch nicht fassen, wie Antonia Michaelis das schreiben konnte und wie um alles in der Welt sie Anna kurz später denken und vor allem tun lassen konnte, was sie dann denkt und tut... So außergewöhnlich und großartig und unvergleichlich alles Andere auch war, aber das und ein meiner Meinung nach ziemlich kapitaler Logikfehler am Ende gingen für mich leider gar nicht.

Fazit

Ein Buch, das berührt, bewegt, verstört und verzaubert. Eines, das man wirklich erlebt haben sollte! Aber auch eines, dessen Botschaften man sehr kritisch hinterfragen sollte und das ich jüngeren Lesern auf keinen Fall ans Herz legen würde.

Inhalt: ♥♥♥♥ || Atmosphäre: ♥♥♥♥♥ || Charaktere: ♥♥♥♥
Sprache: ♥♥♥♥♥ || Aufmachung: ♥♥♥♥♥
Lesespaß: ♥♥♥♥
23.09.2012

Freitag, 1. Juni 2012

[Rezension] ► Zadie Smith - Der Autogrammhändler



Originaltitel: The Autograph Man
Erscheinungsjahr: 2005 (Droemer/Knaur)
Preis: 9,95€ (Taschenbuch)
Seiten: 448
Reihe: -
Erster Satz: "Er hat die Fähigkeit, sich selbst als kleines Ereignis im Leben anderer zu sehen."
Kurzbeschreibung

Alex-Li Tandem ist Autogrammhändler. Er ist von seiner Profession wie besessen, sucht und sammelt, feilscht und handelt. Das einzig Erstrebenswerte ist für ihn, in den Besitz einer Autogrammkarte des geheimnisumwitterten B-Movie-Stars Kitty Alexander zu gelangen. Reichtum und vor allem Ruhm wären ihm sicher. Alex-Li wähnt sich am Ziel seiner Träume, als er eines Tages nicht nur eine Autogrammkarte von seiner Angebeteten erhält, sondern die Diva ihn bei einem Deal unterstützt. Alex-Li plant den größten Coup seines Lebens...

Rezension

In einem spontanen Anfall von "Kampf dem Alt-SuB" habe ich anfang dieses Monats nach (ja, es darf mitleidig gelächelt werden) 1086 Tagen des Versumpfens dieses Buch an die Oberfläche gezogen. Ein Buch also aus den schwarzen büchertreff.de-losen Zeiten, bei dem ich mir anhand des Klapptextes beim besten Willen nicht mehr erklären kann, warum ich es gekauft habe. Was soll ich sagen? Hätte ich es nur gelassen...

Dabei hat alles so gut angefangen. Erwartungen hatte ich mangels Erinnerungen an den Kaufgrund keine und der Prolog hat mir schon nach den ersten paar Seiten einiges versprochen: Er ist witzig geschrieben, ironisch und philosophisch und dabei absolut eigenwillig im positiven Sinne. Ich mag es, keinen 0815-Stil serviert zu bekommen, sondern mein Gehirn während des Lesens auch mal gegen eine etwas widerspenstigere Strömung anschwimmen lassen zu können. Deshalb hatte ich mich auch sehr auf die nächsten 400 Seiten gefreut. Aber mit dem ersten Kapitel schien regelrecht die Autorin gewechselt zu haben. Zwar schimmert die Zadie Smith aus dem Prolog immer mal wieder durch, aber größtenteils empfand ich den Stil den Rest des Buches über als holprig und so gewollt "tiefgründig", dass ich bald nur noch genervt war. Frau Smith hat mich mit ihrer Art leider mehr durch die Geschichte geschleppt, als gezogen: Lesefluss praktisch nicht vorhanden, Unterhaltungsfaktor null. Der Stil muss einem wohl liegen und das war bei mir nicht der Fall.
Ein Grund dafür mag auch gewesen sein, dass die Hauptperson Alex-Li Tandem ein sehr... Wie soll ich sagen- schwerfälliger Charakter ist. Ob sich die Autorin nicht entscheiden konnte, oder ob Alex sich gewollt uneinig darüber war, ob er lieber zu Tode betrübt oder euphorisch jauchzend sein wollte, weiß ich nicht. Aber er bleibt ein einziger Widerspruch: offiziell depressiv, aber voller Vorfreude; dick und hässlich, aber Traummann aller Frauen und des ein oder anderen Mannes etc. Konnte sich die Autorin nicht entscheiden? Wollte sie es nicht? Mir blieb der Protagonist ein Rätsel, das auch gerne ungelöst bleiben durfte und das will bei mir etwas heißen. Ich gebe es zu: Er war mir einfach egal . Gleiches trifft auf die Nebencharaktere zu, die durchweg blass und oft ohne erkennbare Funktion bleiben. Es passiert mir selten, aber hier konnte wirklich kein einziger Charakter meine Sympathie wecken.

Wenn schon die Charaktere nichts hergeben, dann muss die Autorin ja all ihre Energie auf eine packende Handlung verwendet haben, oder? Fehlanzeige, leider. Von "Handlung" kann hier nämlich für meinen Geschmack nicht die Rede sein. Man dümpelt hinter Alex her und nach 300 Seiten wartet man immer noch vergeblich auf das im Klapptext groß angekündigte B-Movie-Sternchen Kitty und "den Coup". Und als man den Weg dorthin, der mir durch vorausgesetztes Wissen über Begriffe und Praktiken aus dem Judentum zusätzlich erschwert wurde, endlich zurückgelegt hat, hört das Buch einfach auf . Vielleicht gibt es ihn, den tieferen Sinn hinter diesen stark 400 Seiten. Mir blieb er leider gänzlich verschlossen.

Fazit

Für mich leider ein Reinfall auf ganzer Linie und eines der wenigen Bücher, über die ich wirklich nichts Gutes zu sagen weiß.

Inhalt: ♥♥♥♥♥ || Atmosphäre: ♥♥♥♥ || Charaktere: ♥♥♥♥♥
Sprache: ♥♥♥♥♥ || Aufmachung: ♥♥♥♥♥
Lesespaß: ♥♥♥♥

01.06.2012

Dienstag, 27. März 2012

[Rezension] ► Jodi Picoult - Die Wahrheit der letzten Stunde



Originaltitel: Keeping Faith
Erscheinungsjahr: 2001 (Bastei Lübbe)
Preis: 10,95€ (Taschenbuch)
Seiten: 684
Reihe: -
Erster Satz: "Unter normalen Umständen wären Faith und ich gar nicht daheim gewesen, als meine Mutter anrief, um uns aufzuforden, uns ihren brandneuen Sarg anzuschauen."
Kurzbeschreibung

Die Ehe von Mariah und Colin White ist gescheitert. Die siebenjährige Tochter Faith reagiert zunächst mit Schweigen. Nach einiger Zeit beginnt sie mit einer unsichtbaren Freundin zu reden und sie besitzt mit einem Male übersinnliche Fähigkeiten. Als das Fernsehen davon erfährt, werden Faith und ihre Mutter von einem gewaltigen Medienrummel erfasst, der das Kind zu erdrücken droht. Nur mit Hilfe von Ian, der sich Hals über Kopf in Mariah verliebt hat, gelingt es ihnen, die Wahrheit und die Auseinandersetzung mit dem Glauben nicht zu einem Verhängnis werden zu lassen ...

Rezension

Frau Picoult und ich, das verträgt sich eigentlich. "Neunzehn" Minuten von ihr über die Hintergründe eines jugendlichen Amokläufers an einer Schule fand ich großartig und so hatte ich mich sehr auf meinen zweiten Tauchgang in ihren Gewässern gefreut. Aber auch wenn ich das Buch wirklich mögen wollte, wurden wir leider keine Freunde.

Das fing schon mit dem überraschend kalten Wasser des Schreibstils der Autorin an. Die Geschichte wird im Präsens erzählt und ich kann nicht genau sagen, warum, aber ich lese lieber in Vergangenheitsform. Dann wechselt Frau Picoult auch noch häufig und ohne für mich ersichtlichen Grund zwischen erster und dritter Person und besonders mit den Abschnitten in dritter Person Präsens hatte ich größte Schwierigkeiten. Auf mich wirkten die so geschriebenen Szenen eher dokumentiert als erzählt und ich fühlte mich immer irgendwie außen vor. Es war, als würde ich durch eine Glasscheibe blicken: Gesehen habe ich Handlung und Emotionen zwar, aber nahe kommen konnte ich ihnen nicht .

Ein Grund dafür war auch, dass ich mit der Hauptperson Mariah nicht viel anfangen konnte. Ihr Ehemann Colin war alles für sie und nach dem Scheitern ihrer Ehe ist sie am Ende. Statt sich um ihre kleine Tochter zu kümmern, die Zeugin des endgültigen Bruchs zwischen ihren Eltern wurde, ertränkt sie sich in Selbstmitleid und Beruhigungsmitteln. Erst als um Faith herum unerklärliche Dinge geschehen und das Mädchen zusehends ins Interesse der Medien gerät, ändert sich das. Danach hat mir ihr Charakter zwar wesentlich besser gefallen, aber ich habe ihr diesen Wandel einfach nicht abgenommen. Sie war auch vor der Trennung von Colin nicht die typische "perfekte Mutter" und mir hat dieser Ansatz sehr gut gefallen. Ich war gespannt darauf, ob und wie sich Mariahs Desinteresse und ihre fehlende Bindung zu ihrer Tochter noch ändern würden. Aber ein Entwicklungsprozess zum Mitfühlen wurde leider dadurch ersetzt, dass sie praktisch von einer Seite auf die andere zur überzeugten Löwenmutter wird. Vor ihrer Veränderung war sie mir mit ihrer weinerlichen Art einfach unsympathisch und danach konnte ich ihr Verhalten oft nicht nachvollziehen. Sie blieb für mich ungreifbar, und da ein Großteil der Geschichte aus ihrer Sicht bzw. an ihrer Seite erzählt wird, wollte sich bei mir keine rechte Freude am Lesen einstellen. Dafür haben mir aber die Nebencharaktere um so besser gefallen. Hier hat Frau Picoult geschaffen, was mir bei Mariah gefehlt hat: sympathische Charaktere mit markanten Eigenarten. Mariahs Mutter (welche Frau benutzt schon einen Sarg als Wohnzimmertisch ?), ihre Anwältin und viele Andere drücken alle etwas aus. Auch den männlichen Hauptcharakter mochte ich mit seiner witzigen, sarkastischen Art. Also alles in allem eine mir unsympathische Hauptperson und tolle Nebencharaktere: eigentlich eine solide Basis für eine durchschnittliche Bewertung. Was meiner Lesefreude dann den Rest gegeben hat, war die Handlung selbst.

Was nämlich aus dem Klapptext für mich nicht ersichtlich war: Dieses Buch dreht sich zu einem sehr (seeehr) großen Teil um das Thema Religion und damit hatte ich größte Probleme. Für die Fähigkeiten, die das kleine Mädchen entwickelt, wird nämlich recht schnell eine Erklärung gefunden: Sie behauptet ihre imaginäre Freundin, die sie als "Beschützerin" bezeichnet, wäre Gott. Für einen Roman, der sich nicht in den Genres "Fantasy" oder "Horror" einordnet, meiner Meinung nach ein Ansatz mit Potenzial, aber auch eine gewagte These. Vielleicht bin ich zu sehr Naturwissenschaftlerin, um mich auf so etwas einlassen zu können. Aber ich finde einfach, dass wenn man als Autorin schon so ein Grundthema wählt, dann sollte man eine ganze Menge Energie darauf verwenden, das Ganze sinnvoll umzusetzen. Hier führt der durchaus interessante Ansatz leider in erster Linie zu zähen Passagen, in denen Vertreter verschiedenster Religionen über Glaubensfragen diskutieren . Auch die Darstellung der Beweggründe von "Gott" ist meiner Meinung nach sehr fragwürdig. Ich könnte eine ganze Menge aufzählen, aber am meisten hat mir eine Antwort auf zwei Fragen gefehlt. Warum Faith und ihre Familie? Warum nur Faith und ihre Familie? Außerdem mag ich es einfach nicht, wenn Religiöses oder Übernatürliches in fantasyfreien Büchern die Allheil-Erklärung für bestimmte Wendungen ist. Falls die Autorin in Glaubensfragen irgendeine Aussage treffen wollte, dann ging die leider an mir vorbei. Für mich blieb dieses Buch auch nach knapp 700 Seiten völlig ausdruckslos und dass die Logik gerne zugunsten von etwas Drama vernachlässigt wurde, hat das Ganze auch nicht besser gemacht.

Fazit

Wer sich am religiösen Grundthema und vielen Diskussionen über Glaubensfragen nicht stört, für den könnte dieser Roman trotz seiner Logikfehler und blasser Hauptcharaktere durchaus etwas sein. Meinen Geschmack hat er leider überhaupt nicht getroffen.

Inhalt: ♥♥♥♥♥ || Atmosphäre: ♥♥♥♥♥ || Charaktere: ♥♥♥♥
Sprache: ♥♥♥♥♥ || Aufmachung: ♥♥♥♥♥
Lesespaß: ♥♥♥♥♥

27.03.2012

Samstag, 14. Januar 2012

[Rezension] ► Joanne Harris - Fünf Viertel einer Orange



Originaltitel: Five Quarters Of The Orange
Erscheinungsjahr: 2002 (Ullstein)
Preis: 8,95€ (Taschenbuch)
Seiten: 407
Reihe: -
Erster Satz: "Als meine Mutter starb, hinterließ sie meinem Bruder Cassis den Hof, meiner Schwester Reine-Claude die Kostbarkeiten des Weinkellers und mir, der Jüngsten, ihre Kladde sowie ein Zwei-Liter-Glas mit Sonnenblumenöl, in dem ein schwarzer Périgord-Trüffel von der Größe eines Tennisballs schwamm."
Kurzbeschreibung

Als Framboise mit Anfang fünfzig in ihre Heimat zurückkehrt, wird ihr erneut bewusst, dass sie dort bereits als Kind eine Außenseiterin gewesen war. Doch sie will es jetzt noch einmal wissen: Mit den Rezepten aus dem Buch ihrer Mutter gewappnet eröffnet sie in dem kleinen Ort eine Creperie. Ihr Neffe Yannick gönnt ihr jedoch den Erfolg nicht und versucht, sie um die geheimen Rezepte zu erpressen. Da beschließt Framboise die Geschichte ihrer Kindheit zu erzählen- auch, um jenen dunklen Geschichten etwas entgegenzusetzen, die sich seit damals um das Leben ihrer Mutter ranken: Denn warum wurde sie des Mordes an dem Deutschen Tomas verdächtigt, mit dem sich die ganze Familie angefreundet hatte, damals im Krieg? Und warum weigern sich die Dorfbewohner bis heute, die Wahrheit zu erkennen?
Framboise wird nur zu bald klar, dass in dem kleinen französischen Dorf an der Loire Kleingeist und Missgunst ihr Unwesen treiben...

Rezension

Es gibt Bücher, an die ich aus welchen Gründen auch immer hohe Erwartungen habe. Und dann gibt es jene, die mich völlig unvorbereitet treffen und aus dem Nichts heraus begeistern. Und genau so ein Werk ist "Fünf Viertel einer Orange" . Ich habe schon die Chocolat-Bücher der Autorin mit viel Freude gelesen, aber das hier ist im besten Sinne noch einmal etwas ganz Anderes.
Für Spaß am Buch muss einem jedoch zunächst einmal Joanne Harris Schreibstil liegen, denn der ist sicher nicht jedermanns Sache. Die Geschichte lebt von Beschreibungen, von zwischen den Zeilen klingender Atmosphäre und von einer Grundstimmung, die für mich nur schwer in Worte fassbar ist. Wen Frau Harris Wortwahl nicht davonträgt und all die Sinneseindrücke, Gefühle und Persönlichkeiten wahrnehmen lässt, der wird sich hier vielleicht schwer tun und ich kann eine Leseprobe nur empfehlen. Denn auf den Kern der Handlung reduziert, ist dieses Buch nichts nie da Gewesenes. Weder inhaltlich, noch in Sachen Knalleffekten erfindet Frau Harris das Rad neu und trotzdem hat mich ihr Werk eingesaugt, wie das manch selbst ernannter Actionthriller nicht geschafft hat. Die Geschichte wird aus der Sicht der Französin Framboise erzählt und allein schon durch den Aufbau der Erzählung schafft Frau Harris Spannung. Abwechselnd erfährt man von den prägenden Ereignissen in Framboises Jugend und ihrer Gegenwart und nur Stück für Stück kommt man dabei hinter ihr Geheimnis. Hier ist auch die Kurzbeschreibung meiner Meinung nach etwas irreführend. Dieses Buch ist keine fröhliche Familiengeschichte mit einem überraschenden Mord, der Jahre später aufgeklärt werden will. Vielmehr bekommt man einen Einblick in den Zweiten Weltkrieg jenseits der Schlachtfelder und auch Framboises Familiensituation ist, ohne zu viel verraten zu wollen, ungewöhnlich. Das ist gerade deshalb so spannend, weil man als Leser auch aktuelle Geschehnisse kennt und weiß, dss damals etwas passiert sein muss, dass alles verändert hat. Und das jetzt wieder Einzug in Framboises Leben hält. Beide Geschichten lesen sich toll und werden von der Autorin durch die geerbte Kladde gut miteinander verknüpft. Man liest eigentlich nicht von zwei Handlungen, sondern folgt einer Geschichte zu verschiedenen Zeiten. Und vor allem liest und leidet man mit Framboise mit. Ich weiß nicht, was diese französischen Autorinnen an sich haben, dass mich ihre Hauptdarstellerinnen so faszinieren. Aber Framboise ist einfach ein großartiger Charakter! Sie ist eigenwillig, ungewöhnlich und schwierig. Und dann auch wieder weich, liebevoll und voller Charme. Sie hat nicht nur grobe Konturen, die bei genauerem Hinsehen schnell verblassen, sondern eine Persönlichkeit, die alleine schon ein Buch füllen könnte.
Die einzige Schwierigkeit bei diesem Buch ist, seinen Zauber in Worte zu fassen. Ich denke es ist ein Fall von "Liebe auf die erste Seite" oder "Einmal und nie wieder". Für mich hat jede Zeile vibriert und ich konnte das Buch auch angesichts von Wind und Wetter an Bahnhaltestellen kaum aus der Hand legen. So eigenwillig "Fünf Viertel einer Orange" auch sein mag, kann ich nur jedem empfehlen, ihm eine Chance zu geben!

Fazit

Dieses Buch hat Charakter! Es ist wie mit dem Käse: wer auch Sorten abseits des milden, leicht bekömmlichen Goudas zu schätzen weiß, für den könnte "Fünf Viertel einer Orange" schnell zur Geschmacksexplosion werden.

Inhalt: ♥♥♥♥ || Atmosphäre: ♥♥♥♥♥ || Charaktere: ♥♥♥♥
Sprache: ♥♥♥♥♥ || Aufmachung: ♥♥♥♥
Lesespaß: ♥♥♥♥♥

14.01.2012

Sonntag, 17. April 2011

[Rezension] ► John Grisham - Touchdown



TouchdownOriginaltitel: Playing for Pizza
Erscheinungsjahr: 2007 (Heyne)
Preis: 17,95€ (Hardcover)
Seiten: 352
Reihe: -
Erster Satz: "Es war ein Krankenbett, so viel schien klar, wenn auch Gewissheiten momentan etwas Flüchtiges hatten ."
Klapptext

Nur elf Minuten trennen die Cleveland Browns von der Meisterschaft, da geschieht das Unfassbare: Spielmacher Rick Dockery wirft drei entscheidende Fehlpässe, das Match ist verloren. Die Karriere des
Spielers ist damit beendet. Fast. Denn im fernen Europa meldet ein Team Interesse an, und Dockery packt seine Koffer. Die Reise geht nach Italien, wo ihn die Parma Panthers sehnsüchtig erwarten. Ein Quarterback der NFL in Parma - was für eine Sensation! Und Dockery enttäuscht sie nicht: Groß, blond, gut aussehend, ein Amerikaner, wie er im Buche steht. Was allerdings auch bedeutet, dass Dockery erstaunt ist, dass man in Italien Italienisch spricht, dass eine kurze Hose am Abend ein Fauxpas ist oder dass es ein Land gibt, in dem die Oper beliebter ist als Football. Aber die Italiener sind geduldig, und Dockery gefällt die italienische Lebensart. Gutes Essen, schöne Frauen, so lässt es sich aushalten. Doch fehlt nicht irgendwas? Richtig! Football! Die Parma Panthers versprechen sich von ihrem neuen Star nichts Geringeres als den Sieg in der heimischen Meisterschaft. Dass sie weit von der Tabellenspitze entfernt sind, lassen sie als Argument nicht gelten. Wozu haben sie schließlich eine Wunderwaffe aus Amerika?

Rezension

Was soll ich sagen? Wenn ich mich schon auf der ersten Seite in ein Buch verliebt habe, dann in dieses. Die Geschichte an sich war meiner Meinung nach nichts Herausragendes. Keine raffinierten Wendungen, kein sonderlich überraschendes Ende, keine trickreichen Überraschungseffekte. Aber so viel Liebe zum Detail, sei es nun sportlicher, kultureller, kulinarischer oder sonstiger Art, dass das Lesen einfach nur jede Menge Spaß gemacht hat . John Grisham nimmt hier Amerikaner wie Italiener gleichermaßen auf eine herrlich ironisch wie liebevolle Art und Weise auf die Schippe und das mit einem Schreibstil, der süchtig macht. Kurzweilig, fesselnd und mit genau der richtigen Mischung aus offenem Humor und feiner Ironie. Da liest sogar jemand wie ich, der wirklich nicht die geringste Ahnung von diesem Sport hat, ein Buch, in dem gerne mal ein Footballmatch ausführlich beschrieben wird- und  findet es großartig! Denn der Autor schafft hier meiner Meinung nach etwas Einzigartiges: Freude am Lesen zu wecken, egal ob gerade mit irgendwelchen sportlichen Fachbegriffen um sich geworfen wird, oder ob man mehr Kirchennamen vorgesetzt bekommt, als die Mehrheit der Italiener kennen dürfte. Außerdem sind die Charaktere durchweg wahnsinnig liebevoll gezeichnet: alle mit ihren kleinen typisch amerikanisch oder italienischen Macken und alle sympathisch. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass der Autor hier jede Menge Freude beim Schreiben hatte und die hat sich auf mich übertragen.

Fazit

Dieses Buch sollte vielleicht nicht bis ins kleinste Detail ernst genommen werden. Aber es ist eine tolle Liebeserklärung an Italien und macht deutlich, dass hinter der selbsternannten Fußballnation von Welt so viel mehr steckt als nur Pizza, Pasta und das Kolloseum in Rom. Mir hat es leichte und gleichzeitig hochwertige Unterhaltung mit beeindruckendem Lachfaktor geboten.

Inhalt: ♥♥♥♥♥ || Atmosphäre: ♥♥♥♥♥ || Charaktere: ♥♥♥♥♥
Sprache: ♥♥♥♥♥ || Aufmachung: ♥♥♥♥♥
Lesespaß: ♥♥♥♥♥
18. April 2010